Deutsche Nachrichtendienste im Weltraum

Bestandsaufnahme, Herausforderungen und Perspektiven


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Julien Grönitz, Mitglied des Vorstands

Frank Asbeck, Direktor a. D. EU SatCen

Executive Summary

Die jüngsten sicherheitspolitischen Verwerfungen haben schmerzhaft vor Augen geführt, dass Weltraumdienste längst nicht mehr schmückendes Beiwerk technologischer Exzellenz sind, sondern konstitutive Grundlage staatlicher Handlungsfähigkeit - wirtschaftlich, politisch wie militärisch, in Frieden wie im Konflikt. Der Weltraum ist heute Kommunikations-, Navigations- und Aufklärungsinfrastruktur, zugleich aber auch ein Ort der Konkurrenz, der Störung, der Sabotage und der Abschreckung. Wer darin bestehen will, wird nicht mit beobachtender Kommentierung aus sicherer Warte auskommen, sondern muss in eigene, ressortübergreifend vernetzte Befähigungen investieren, die zeitgerechte und handlungsleitende Informationen liefern. Die „Zukunftsfähigkeit der Nachrichtendienste“ ist kein nice-to-have, sondern ein sicherheitspolitischer Imperativ.

Deutschland verfügt hierfür derzeit über drei zentrale Bausteine: wetter- und tageslichtunabhängige Radaraufklärung (SAR-Lupe/SARah), elektro-optische Fähigkeiten zur visuellen Identifikation (GEORG – im Zulauf) sowie geschützte Satellitenkommunikation (COMSATBw und Folgelinien) für die verlässliche Rückführung von Informationen in Stäbe und Einsätze. Entscheidend ist dabei nicht allein das Vorhandensein einzelner Systeme, sondern ihr Zusammenspiel: Priorisiertes Tasking, zügige Auswertung und eine belastbare Verteilungskette, kurz: eine durchgängige „Tasking-to-Product“-Logik, die im Frieden eingeübt und in der Krise abrufbar ist.

Diese nationale Fähigkeitslinie wirkt allerdings nur dann voll, wenn sie europäisch und im Bündnis eingebettet und bündnisfähig organisiert wird. Auf EU-Ebene bündeln GOVSATCOM und perspektivisch IRIS² sichere Konnektivität; das EU SatCen und die Single Intelligence Analysis Capacity (SIAC) stärken Analyse, Standardisierung und politische Anschlussfähigkeit. Der strategische Hebel liegt nicht nur in „mehr Sensoren“, sondern in verlässlichen Verfahren: standardisierte Produktformate, klare Freigabe- und Weitergabestufen sowie routinierte Schnittstellen, über die nationale Beiträge regelmäßig in europäische Mechanismen eingespeist werden können. Kommerzielle GEOINT-Anbieter können diese Architektur sinnvoll ergänzen. Sie ersetzen staatliche Sensorik jedoch nicht, weil Verfügbarkeit in Krisen politisch konditioniert bleibt und Lizenz-, Export- und Rechtefragen die Dissemination begrenzen.

Das strategische Umfeld verschärft die Anforderungen zusätzlich. Russland und China behandeln den Orbit zunehmend als Operationsraum: Rendezvous- und Proximity-Operationen, Stör- und Blendfähigkeiten sowie eine bewusst „reversible“ Gegenwirkung unterhalb der Zerstörungsschwelle erhöhen Ambiguität, Eskalationsdruck und die Anforderungen an Attribution. Daraus folgt unmittelbar: Space Situational Awareness (SSA) mit belastbarer Zuordnung, der Schutz kritischer Weltrauminfrastruktur sowie abgestufte, reversible Schutz- und Reaktionsoptionen werden zu Voraussetzungen, um Handlungsfreiheit zu erhalten.

Ziel muss es sein, eine national steuerbare, europäisch integrierte und im Bündnisrahmen interoperable Architektur zu etablieren, die zeitkritische Produkte verlässlich bereitstellt. Geschwindigkeit, Interoperabilität und Priorisierung werden damit selbst zu Sicherheitsparametern, weil sie darüber entscheiden, ob aus Daten rechtzeitig handlungsleitende Information wird.


Weltraum als kritische Infrastruktur: Anwendungen und Marktüberblick

Um die Tragweite dieser kritischen Infrastruktur im Gesamtzusammenhang staatlicher Handlungsfähigkeit zu erfassen, ist ein kurzer Blick auf die ökonomische Dimension der Raumfahrt und die daraus erwachsenden Abhängigkeiten unerlässlich.

Neben der hinlänglich bekannten, weltraumgestützten Abhängigkeit unserer Navigationsysteme (Global Navigation Satellite Systems GNSS), ist unsere Satelliteninfrastruktur ein elementarer Baustein von Bank- und Börsensystemen. Sie alle stützen sich auf hochpräzise Satellitenzeit (PNT - Positioning, Navigation, Timing) für Transaktionszeitstempel. Fällt sie aus, lassen sich Buchungen und Handel nicht mehr zuverlässig zeitlich ordnen. Der Zahlungsverkehr und Börsenhandel geraten binnen kurzer Zeit ins Stocken.

Stromnetze nutzen dieselbe präzise Zeitbasis zur Netzsynchronisation und für Schutzmechanismen. Entscheidend bei Lastsprüngen und Störungen. Fällt die satellitengestützte Zeitbasis aus, kann die Netzsynchronität rasch ins Wanken geraten. Schaltvorgänge laufen nicht mehr phasengenau, Schutzmechanismen trennen Leitungen und Erzeuger. Das Ergebnis können Kaskadenausfälle bis hin zum Blackout sein. Die Wiederherstellung geordneter Netzstabilität würde je nach Schweregrad mitunter Tage erfordern.

Ebenso wenig sichtbar, aber alltagsprägend: Mobilfunk (4G/5G) taktet Funkzellen u. a. über GNSS-Signale. Timingfehler erzeugen Abbrüche und Latenzspitzen, mit Wirkung bis in Notruf- und Einsatzkommunikation. Fiele die satellitengestützte Zeitreferenz aus, kann es zu Dienstbeeinträchtigungen bis hin zu Ausfällen kommen. Denn je nach Resilienz-Design, Fallback und Störungslage verlören Funkzellen ihre zeitliche Kohärenz; Handover-Prozesse und Netzsynchronität brächen sukzessive ein. Kurzzeitig ließe sich der Betrieb stützen, längerfristig käme es aber zu Störungen selbst in priorisierten Kommunikationsnetzen.

Die Resilienz dieser Systeme ist damit Staatsaufgabe ersten Ranges. Denn wie Verteidigungsminister Boris Pistorius jüngst mahnte:

Satellitennetzwerke sind heute eine Achillesferse moderner Gesellschaften. Wer sie angreift, legt ganze Staaten lahm”.

 

Die wachsende Bedeutung der Raumfahrt zeigt sich auch in der hohen Zahl der Raketenstarts: Im Jahr 2024 hob weltweit durchschnittlich alle 34 Stunden eine Rakete ab, was einen neuen Rekord darstellt.

 

Der Raumfahrtmarkt teilt sich grob in:

Upstream (Trägerraketen, Satelliten, Bodeninfrastruktur) und

Downstream (dienste- und datenbasierte Anwendungen).

Weltweit wird der Upstream-Markt bis 2040 auf etwa 264 Mrd. € geschätzt (2024: rund 63 Mrd. €). Der Downstream vervielfacht sich im gleichen Zeitraum von rund 408 Mrd. € auf etwa 1.700 Mrd. €. Zusammengenommen steuert der Weltmarkt bis 2040 auf rund 2 Billionen € zu, bei einer globalen Wachstumsrate von etwa 9,3 % p. a.. Vor allem durch wachsende Nachfrage nach Diensten in Navigation/Timing, Erdbeobachtung und Satellitenkommunikation. Europa liegt mit 6,7 % p. a. unter der globalen Dynamik; der Marktanteil würde ohne weitere Beschleunigung von aktuell rund 17 % auf etwa 12 % schrumpfen. Abhängigkeiten von orbitalen Diensten sind nicht nur zivilwirtschaftliche Verwundbarkeiten, sondern potentielle Angriffsflächen für hybride Operationen. Resiliente Raumfahrtstrukturen sind daher nicht allein industriepolitisch, sondern unmittelbar nachrichtendienstlich und sicherheitspolitisch relevant.

Die Marktdaten verdeutlichen, dass der Zugang zu orbitaler Infrastruktur zunehmend mitentscheidet, wer über welche Informations- und Entscheidungsspielräume verfügt.

 

Ausgangspunkt: Politischer Rahmen und Ambitionen

Mit der Ankündigung des Bundesministers der Verteidigung Boris Pistorius, bis zum Jahr 2030 Haushaltsmittel in Höhe von 35 Mrd. € für eine gesamtstaatliche Weltraumsicherheitsarchitektur zu mobilisieren, liegt der politische Marker.  Die von Herrn Pistorius beschriebene Architektur (resiliente Konstellationen, Boden- und Dienstesegmente, gesicherte Startfähigkeit, Schutz- und Wirkkomponenten) ist ausdrücklich als Schutz- und Wirkverbund angelegt. Dass diese Weichenstellung beim BDI-Weltraumkongress 2025 gesetzt wurde, ist kein Zufall. Ohne die Innovations- und Skalierungsfähigkeit der Industrie wird Souveränität im Orbit nicht gelingen.  Zugleich gilt: Strategische Tragfähigkeit entsteht für Deutschland im europäischen Verbund und im Bündnisrahmen der NATO.

Die politische Weichenstellung signalisiert eine Verschiebung von ad-hoc-Beteiligung hin zu einer strukturierten Souveränität im Orbit, verstanden als planvoll aufgebaute, national steuerbare, europäisch eingebettete Handlungsfähigkeit in Aufklärung, Frühwarnung und gesicherter Kommunikation. Für Deutschland bedeutet das: eigene, politisch steuerbare Sensorik und Kommunikationskapazitäten dort aufzubauen, wo Abhängigkeit von US-Frühwarn- und Aufklärungsdaten operative Selbstständigkeit bislang begrenzt.

Der angekündigte Investitionsrahmen ist weniger ein Finanz- als ein Governance-Signal. Er zwingt zur Koordination zwischen Ressorts, Nachrichtendiensten und Industrieakteuren.

Diese Linie deckt sich mit der EU-Agenda. Ziel ist eine belastbare, eigenständige und zugleich bündnisfähige Weltrauminfrastruktur:

 

GOVSATCOM ist der EU-Zugang zu sicherer Behörden-Satellitenkommunikation. Bestehende nationale und kommerzielle Kapazitäten werden über sogenannte EU-Hubs gebündelt und als gesicherte Dienste bereitgestellt. Anders als IRIS² (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) baut GOVSATCOM keine neue Konstellation auf, sondern organisiert den sicheren Zugriff auf bereits verfügbare Systeme für staatliche Nutzer. Die erste Umsetzungsphase nutzt bis 2025 bestehende Kapazitäten. Ab 2025 werden erste behördliche Dienste über GOVSATCOM bereitgestellt. Voll ausgeprägte EU-eigene Konnektivität kommt, so die Planung, mit IRIS² - bis 2030.

IRIS² ist die künftige EU-eigene, mehrorbitale Infrastruktur für sichere Konnektivität. Sie dient vorrangig der Regierungs- und Behördenkommunikation, bieten wird sie aber zusätzlich auch Breitband-Dienste für Bürger und Wirtschaft. Sie kombiniert LEO/MEO/GEO-Kapazitäten (LEO = Low Earth Orbit ~160 - 2.000 km / MEO = Medium Earth Orbit ~2.000 - 36.000 km / GEO = Geostationary Earth Orbit ~36.000 km), zielt auf resiliente, vertrauenswürdige Verbindungen und soll Abhängigkeiten von Dritten reduzieren. Der Rollout erfolgt schrittweise: 2025 starten erste Regierungsdienste über GOVSATCOM (pooling bereits vorhandener Kapazitäten), bis 2030 soll IRIS² die voll EU-eigene Regierungs-Konnek­tivität bereitstellen.

Die Stärkung des EU-SatCen (European Union Satellite Centre) als GEOINT-Drehscheibe (Geospatial Intelligence). Das EU SatCen fungiert als GEOINT-Analysezentrum der EU im Rahmen von GASP (Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik) und GSVP (Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik). GEOINT umfasst die Gewinnung, Auswertung und Integration raumbezogener Informationen aus Satellitenbildern, Geodaten und ergänzenden Quellen zur Lage- und Entscheidungsunterstützung. Das EU SatCen verarbeitet entsprechende Erdbeobachtungs- und Geodaten aus europäischen, nationalen und kommerziellen Quellen zu lage- und missionsbezogenen Produkten für Rat, Kommission, den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) sowie für EU-Operationen.  Außerdem  ergänzt es die GEOINT-Kapazitäten der EU-Mitgliedsstaaten und stellt für manche die einzige Quelle für GEOINT dar. Es ist damit kein Satellitenbetreiber, sondern das analytische Dienstesegment europäischer Aufklärung.  Damit unterstützt es eine gemeinsamen Beurteilungsgrundlage der EU-Mitgliedsstaaten für GASP-/GSVP-Entscheidungen.

Mit ODIN’S EYE II fördert der Europäische Verteidigungsfonds (EDF) ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Weiterentwicklung einer europäischen, weltraumgestützten Raketenfrühwarnarchitektur (SBMEW). Das Programm adressiert frühe Warnhinweise, technische Aufklärung und die Unterstützung von Abwehrsystemen gegen ballistische, hypersonische und ASAT-Bedrohungen.

TWISTER ist ein Kooperationsprojekt mehrerer EU-Staaten zur Erkennung, Verfolgung und Abwehr schneller Luft- und Raketenbedrohungen - durch die Kombination weltraumgestützter Frühwarnung und endoatmosphärischer Abfangsysteme. Die Zusammenarbeit erfolgt in enger Abstimmung mit der NATO. Frühwarnsatelliten sollen Start, Flugbahn und Charakteristik einer Bedrohungen früh und zuverlässig liefern und die Zielverfolgung danach an bodengebundene Radare übergeben; adressiert werden u. a. ballistische Raketen (bis ~3.500 km, inkl. manövrierfähige Re-entry Vehicle (RVs), hypersonische Gleitflugkörper sowie hochfliegende Überschall-/Hyperschall-Marschflugkörper.

Gemeinsam skizzieren sie einen Pfad, auf dem nationale und europäische Assets zu einem vernetzten Lagebild und verlässlicher Konnektivität zusammengeführt werden

 

Fähigkeiten und Programme mit nachrichtendienstlicher Relevanz

Handlungsfähigkeit im Orbit entsteht nicht aus dem Nebeneinander einzelner Programme, sondern aus einer verlässlichen Kette von Priorisierung, Erfassung und Auswertung bereitgestellter Informationen.  Deutschland verfügt bereits heute über wesentliche Bausteine weltraumgestützter Nachrichtengewinnung.

Auf deutscher Seite bilden zwei Aufklärungslinien und eine Kommunikationslinie das Fundament:  Radar (SAR- Synthetic Aperture Radar), Optik (EO- Electro-Optical) sowie geschützte Satellitenkommunikation (SATCOM- Satellite Communications).

Radarsatelliten (SAR). Mit SAR-Lupe betreibt Deutschland seine erste militärische Radarsatelliten-Konstellation. Fünf Kleinsatelliten im niedrigen Erdorbit (LEO) liefern seit Ende der 2000er-Jahre hochaufgelöste Radarbilder - unabhängig von Tageslicht und weitgehend unabhängig vom Wetter. Die Daten fließen in Einsatzvorbereitung, Lagebilder und Krisenlagen der Bundeswehr. Die erzeugten Bildprodukte werden im Rahmen verschiedener bilateraler Abkommen auch mit Partnern geteilt. Typische Anwendungen sind Veränderungserkennung an Infrastruktur (z. B. neue Bautätigkeit, Fahrzeugspuren, Erdarbeiten), Lagebeurteilung bei Bewölkung/Nacht und der Abgleich mit optischen Aufnahmen.

SARah ist die Nachfolgegeneration der deutschen militärischen Radarsatelliten und setzt die Linie von SAR-Lupe fort. Gegenüber SAR-Lupe bietet SARah kürzere Wiederholzeiten, flexiblere Bildmodi (u. a. punkt- und flächenorientierte Aufnahmen) sowie ein modernisiertes Bodensegment (Missionskontrolle, Datenverarbeitung) und eine verbesserte Aufnahmeplanung (Tasking) und somit kürzere Zeit vom Auftrag bis zum Produkt. Damit sichert Deutschland in der Ära wachsender orbitaler Konkurrenz die Fähigkeit zur unabhängigen, wetterunabhängigen Erfassung. Ein unverzichtbarer Bestandteil strategischer Frühwarnung. SAR-Lupe bleibt während der Umstellung im Betrieb. SARah-Produkte fließen ebenfalls über die bestehenden Austauschmechanismen in die Partnerzugänge ein.Für den nachrichtendienstlichen Einsatz entstehen daraus IMINT-Produkte (Imagery Intelligence) sowie, nach geodatenbasierter Einordnung, GEOINT-Produkte (Geospatial Intelligence), die auch unter Bewölkung verfügbar sind.

Etablierte Verfahren sind Change Detection (Veränderungserkennung) und, bei gleicher Aufnahmekonfiguration und kurzen Zeitabständen, Coherent Change Detection zur Muster-/Aktivitätsanalyse. In der TCPED-Kette (Tasking, Erfassung, Verarbeitung/Auswertung, Verteilung) ermöglicht SAR eine zuverlässige Erfassung auch bei eingeschränkten Sichtbedingungen und versorgt Auswertung und Verteilung regelmäßig gemäß Priorisierung im Tasking. Grenzen wie Schrägsicht-Geometrie (Layover/Shadow) und Speckle (körnige Helligkeitsmuster in Bildern kohärenter Sensoren) erfordern Interpretationserfahrung. Deshalb wird SAR meist komplementär zu optischen Sensoren eingesetzt.

Elektro-Optische Satelliten (EO). Bildmaterial von elektro-optischen Erdbeobachtungssatelliten bezieht Deutschland jetzt bzw. in Zukunft aus drei Quellen:  Der geplanten EO-Konstellation GEORG, von internationalen Partnern wie z.B. Frankreich und unverändert von kommerziellen Providern, wenn es um Daten geht, deren Erhebung keinen need-to-know-Erfordernissen unterliegen.


Die EO-Konstellation GEORG wird zukünftig SAR um hochauflösende optische Bilddaten ergänzen. Der ursprünglich für 2022 avisierte Erststart wurde zunächst auf 2025 und nach jüngsten öffentlichen Berichten auf 2026 fortgeschrieben. EO-Produkte sind geeignet für Ziel- und Objektidentifikation (ID), Kräfte-/Mittelansätze (Order of Battle) und Merkmalserkennung (Feature Extraction) und erhöhen die Analytik-Tiefe in der Exploitation-Phase der TCPED-Kette. EO ist tageslicht- und wetterabhängig (Bewölkung/Dunst), liefert dafür visuelle Eindeutigkeit und Hinweise aus dem sichtbaren Umfeld (Zufahrten, Nutzungsspuren, Schutzmaßnahmen).

Doch auch nach Indienststellung von GEORG ist nur eine Teilabdeckung erreichbar. Priorisierung des Taskings und die Zuführung externer Kapazitäten bleiben daher konstitutiv.

Primärer Zweck von GEORG ist national steuerbares Tasking (need-to-know) und die Ergänzung der Verbundlage mit eigenen Produkten. Im Zusammenspiel ergibt sich daraus: SAR für robuste Erfassung auch bei Nacht/Bewölkung, EO für visuelle Bestätigung; Cross-Cueing (gezieltes Antriggern eines zweiten Sensors durch einen ersten Hinweis, um eine Beobachtung zu bestätigen, zu präzisieren oder zu widerlegen) und Multi-INT-Fusion (Methodische Zusammenführung von Informationen aus mehreren Disziplinen (z. B. IMINT, SIGINT, OSINT) zu einem einheitlichen Lagebild mit höherer Aussagekraft) erhöhen Tempo und Trefferqualität des IMINT-Lagebilds.

Diese Bausteine sind seit Jahren in bi- und multilaterale Verfahren eingebunden. Als eines von diversen Beispielen sei in diesem Zusammenhang Frankreich genannt. Die wechselseitigen Zugriffe auf optische Produkte aus CSO (Composante Spatiale Optique) und Pleiades (französische optische Aufklärungssatelliten) sowie auf deutsche Radarbeiträge zeigen, wie ein europäischer Verbundansatz praktisch organisiert werden kann. Mit CSO-3 und Pleiades ist die französische Optiklinie langfristig abgesichert.  In der Folge trägt die konsistente Integration nationaler Sensorik mit Partnerressourcen, auch im transatlantischen Rahmen, zu einem belastbaren Lagebild bei.

Geschützte Satellitenkommunikation (SATCOM). Mit COMSATBw und der Folgegeneration SATCOMBw-3 stehen gesicherte, priorisierbare Verbindungswege für Führungsinformationen und die Distribution lage-/aufklärungsrelevanter Produkte zur Verfügung. Die Primärdaten nationaler Aufklärungssatelliten werden über eigene Bodenstationen eingespielt; SATCOM übernimmt die zeitgerechte und integritätsgesicherte Weitergabe der erzeugten IMINT-/GEOINT-Produkte in Stäbe, Einsätze und Lagezentren sowie den Rücklauf von Tasking-Meldungen (Prioritäten, Re-Tasking) in den TCPED-Prozess.

Geschwindigkeit ist ein Sicherheitsparameter. In zeitkritischen Lagen mit Entscheidungsfenstern von Stunden zählt jede Verzögerung. Optische Fähigkeiten müssen deshalb vom ersten Tag an im Verbundbetrieb mit SAR und Partneroptik laufen – mit prioritätsgesteuertem Tasking, harmonisierter Produktsemantik und geübten Disseminationspfaden. Wo strategische Satelliten ihre sensorischen Stärken ausspielen, schließen kleine, responsiv einsetzbare Satelliten die Zeitlücke zwischen Tasking und Überflug und liefern zeitnah relevante erste Aufnahmen. Maßstab ist die rechtzeitige Bereitstellung eines belastbaren Produkts im vorgesehenen Entscheidungsfenster.

 

Nicht zuletzt hat der GKND in einer jüngst veröffentlichten Stellungnahme betont, dass Weltraum und Cyber prägende Handlungsräume staatlicher Handlungsfähigkeit sind und dass rein reaktive Nachverfolgung nicht genügt.

Gefordert sind rechtzeitig verfügbare, national steuerbare Aufklärungsprodukte aus eigenem und partnerschaftlichem Verbund – gestützt durch priorisiertes Tasking, standardisierte Produktformate und geübte Disseminationspfade.

 

Kommerzielle GEOINT-Anbieter als zusätzlicher Aufklärungsbaustein

Die jüngsten Kriegsjahre haben die operative Relevanz privat betriebener Erdbeobachtung scharf konturiert. Hochfrequente, global verfügbare Produkte kommerzieller Anbieter ergänzen staatliche Sensorik in Aufklärung, Zielvorbereitung und Wirkungsnachweis. Sichtbar etwa durch den breiten Einsatz von Maxar und Planet (optisch) sowie ICEYE, Capella Space, Umbra (radarbasiert). Auf europäischer Seite stehen darüber hinaus bewährte Kapazitäten von Airbus Defence and Space (Radar-Konstellation TerraSAR-X/TanDEM-X) als markterprobte Quelle zur Verfügung. Sie werden über standardisierte Plattformen bereitgestellt und sind für Behördennutzung etabliert.

Für staatliche Nutzer entsteht daraus ein Mehrwert entlang der Aufklärungskette: kurze Tasking-zu-Produkt-Zyklen schließen Zeitlücken zwischen nationalen Überflügen. Hohe Wiederholraten und weltweite Abdeckung stützen Muster- und Veränderungserkennung. Die Zukauf-Option vermeidet Überdimensionierungen eigener Flotten und setzt Innovationsimpulse. Prominent ist das seit 2022 praktizierte ICEYE-Modell, das die Wetter- und Tageslichtunabhängigkeit operativ nutzbar gemacht hat, und damit die Tauglichkeit privat betriebener Systeme im Einsatzfall belegte.

Gleichzeitig sind Limitierungen zu adressieren, die Governance-Regeln und Abhängigkeiten betreffen:

Erstens bleibt Verfügbarkeit in Krisen politisch konditioniert. Die temporäre Suspendierung des Ukraine-Zugriffs auf kommerzielle Bilder über das US-Regierungsportal G-EGD im März 2025 hat gezeigt, dass Drittzugänge auch bei unklassifizierten Produkten außenpolitischer Steuerung unterliegen können (spätere Wiederfreigaben eingeschlossen).

Zweitens gelten Lizenz- und Exportregime. In den USA unterliegen private Anbieter satellitengestützter Erdbeobachtung der NOAA/CRSRA-Lizenzierung. In Deutschland regelt das Satellitendatensicherheitsgesetz (SatDSiG) die Verbreitung satellitenbasierter Bild- und Messdaten. Beides dient legitimen Sicherheitsinteressen, wirkt jedoch auf Priorisierung, Weitergabe und Zeitkritikalität der Dissemination.

Drittens sind Heterogenität und Rechteketten zu managen (Produktformate, Metadaten, EULAs (End-User License Agreements)), um Vergleichbarkeit und rechtssichere Weitergabe sicherzustellen.

 

Kommerzielle GEOINT-Zugriffe ersetzen staatliche Fähigkeiten nicht, sie verstärken sie. Eine balancierte Sourcing-Strategie - europäische Anbieter plus wohldefinierte transatlantische Zugriffe - erhöhen die Durchhaltefähigkeit, ermöglichen in Krisen raschen Kapazitätsaufwuchs und reduzieren einseitige Abhängigkeiten. Entscheidend sind interoperable Formate, klare Freigabelogiken und eingeübte Disseminationspfade. Erst dann entfaltet der Zukauf im Verbund mit nationalen Sensoren seine Wirkleistung.

 

Europäische Einbettung: EU SatCen, SIAC und arbeitsteilige Souveränität

Die europäische Ebene ergänzt nationale Aufklärungsanstrengungen durch einen gemeinsamen Kooperations- und Auswertungsrahmen, der sich insbesondere in der Zusammenarbeit von EU SatCen und SIAC zeigt. Das EU SatCen analysiert als zentrales GEOINT-Kompetenzzentrum der EU satellitengestützte Lagebilder für Politik und Einsatz (siehe dazu: Abschnitt ‘Ausgangspunkt: Politischer Rahmen und Ambitionen’). Die SIAC (Single Intelligence Analysis Capacity) bündelt die zivilen und militärischen Nachrichtendienststrukturen der EU, indem sie das EU INTCEN (EU Intelligence and Situation Centre) - die zentrale zivile Analyse- und Lagebewertungseinheit des Europäischen Auswärtigen Dienstes - und die EUMS INT (Intelligence Division des EU Military Staff) - den militärischen Nachrichtendienstzweig des EU-Militärausschusses - zu einem gemeinsamen All-Source-Analyseverbund verbindet.

Ihre Funktion liegt in der Integration nationaler Beiträge zu einem abgestimmten europäischen Lagebild. Eine Grundvoraussetzung für politische Beschlussfähigkeit in der GASP/GSVP, deren Entscheidungen Einstimmigkeit verlangen. In der Praxis profitieren hiervon insbesondere Mitgliedstaaten mit begrenzten eigenen Aufklärungsfähigkeiten. Für Deutschland liegt der Mehrwert dagegen in der Mitgestaltung gemeinsamer Standards, Schnittstellen und Verfahren.

Deutschlands Beteiligung an dieser arbeitsteiligen Souveränität bleibt bislang ausbaufähig. Die operative Stärke der europäischen Strukturen hängt weniger von zusätzlichen Sensoren ab, als von der Regelmäßigkeit, Qualität und Standardisierung nationaler Zuarbeit. Politisch geboten ist daher, dass deutsche Beiträge, insbesondere GEOINT-Produkte, in definierten Formaten, Fristen und Freigabestufen in europäische Mechanismen eingespeist werden. Nur so entsteht eine belastbare, interoperable Datenkette, die im Frieden erprobt und in der Krise abrufbar ist.

Frühwarnung - von ballistischen über hypersonische bis gegen den Orbit gerichtete Bedrohungen - ist bislang kein beschlossener europäischer Auftrag, sondern eine erkennbare Entwicklungslinie. Gleichwohl formt sich mit Programmen wie ODIN’S EYE II und der geplanten Integration in IRIS² eine technische und organisatorische Basis für künftige gemeinsame Sensorik- und Analyseketten. Die jüngste deutsch-französische Verständigung auf eine europäische Frühwarn-Grundlage („JEWEL“) deutet den politischen Überbau an, bleibt aber im Stadium der Willensbildung.

Die Wirksamkeit europäischer Kooperation bemisst sich daran, ob nationale Beiträge planfest, technisch integriert und politisch anschlussfähig sind. Entscheidend ist nicht der erklärte Wille zur Zusammenarbeit, sondern die institutionelle und technische Durchdringung der Verfahren. Erst wenn diese Ebenen ineinandergreifen, entsteht die Verlässlichkeit, auf der gemeinsame Frühwarn- und Aufklärungsfähigkeit aufbauen kann.

Russland und China im All: Fähigkeitslinien, Ziele, Implikationen

Während Europa seine weltraumgestützten Fähigkeiten in eine arbeitsteilige, interoperable Struktur überführt, verfolgen China und Russland den Orbit längst als strategischen Operationsraum und Instrument der Machtprojektion. Sie demonstrieren und operationalisieren Verfahren im All, wie Rendezvous- und Proximity-Operationen (RPO), also das gezielte Annähern eines Satelliten an einen anderen Satelliten, das Begleiten und das Halten sehr geringer Relativabstände bis hin zum Andocken oder Verbringen eines Zielsatelliten. Legitim für Inspektion/Servicing, zugleich geeignet für das Ausspähen, das Stören und manipulative Eingriffe in Betrieb und Bahnführung. Bislang ohne die Schwelle des offenen Gewalteinsatzes zu überschreiten, doch immerhin mit der Schaffung operativer Ambiguität und erhöhtem Eskalations- wie Destabilisierungsrisiko. Daraus folgen unmittelbare Anforderungen an europäische Weltraumlageerfassung (Space Situational Awareness, SSA), den Schutz kritischer Satelliten und belastbare Reaktionsmechanismen.

 

China:

China ordnet seine Raumfahrt ausdrücklich sicherheits- und militärpolitisch. Die Reform von 2024 hat die Zuständigkeiten konsolidiert: Raumfahrt-Kräfte wurden aus der aufgelösten Strategic Support Force (SSF) herausgelöst und als eigene Aerospace Force unter die Zentrale Militärkommission gestellt, mit dem Ziel, weltraumgestützte C4ISR-Fähigkeiten (Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance, Reconnaissance) einsatznäher zu führen und in Operationen einzubetten.

China verfügt heute über eine der größten orbitalen Infrastrukturen weltweit - Stand Juli 2025 mehr als 1.189 aktive Satelliten im Orbit. Das entspricht einem Zuwachs von rund 927 % bzw. +1.049 Satelliten gegenüber Ende 2015.

Die People's Liberation Army (PLA) operiert inzwischen mit über 510 ISR-Satelliten, die optische, multispektrale, Radar- und funkfrequenzbasierte Sensorik kombinieren. Diese Sensorik ist darauf ausgerichtet, großräumige Verbände westlicher Streitkräfte frühzeitig zu detektieren und kontinuierlich nachzuführen.

Allein im Zeitraum 1. Januar bis 31. Juli 2025 führte China 42 orbitale Starts durch (41 erfolgreich) und brachte 112 Nutzlasten in den Orbit - 19 dieser Nutzlasten waren unmittelbar auf Aufklärung, Überwachung und Zielunterstützung (ISR) ausgelegt.

Parallel baut China eine eigene, proliferierte Führungs- und Kommunikationsarchitektur im niedrigen Erdorbit (LEO) auf. Im Juli 2025 wurden 90 Satelliten der staatlich gesteuerten G60-/„Thousand Sails“-Konstellation gestartet, mit dem Ziel, bis Ende 2025 rund 648 Einheiten zu erreichen und bis 2030 eine Flotte in fünfstelliger Größenordnung aufzubauen. Zusätzlich hat die staatliche China Satellite Network Group seit August 2024 bereits 67 weitere Kommunikationssatelliten für eine zweite, auf etwa 13.000 Einheiten angelegte LEO-Großkonstellation ins All gebracht. Diese Konstellationen sind ausdrücklich als militärisch nutzbare, staatlich kontrollierte, breitbandige Führungs- und Dateninfrastruktur gedacht und sollen chinesische Einsatzführung in Echtzeit absichern, auch gegen Störung oder Ausschaltung durch Dritte.

China nutzt mindestens zehn Satelliten zur weltraumgestützten Weltraumlageerfassung (Space Situational Awareness, SSA), die aus dem Orbit heraus andere Raumfahrzeuge beobachten und charakterisieren. Diese orbitalen Sensoren ergänzen bodengebundene Erfassungssysteme und erhöhen Chinas Fähigkeit, fremde Systeme in verschiedenen Orbits zu identifizieren und nachzuverfolgen. Darüber hinaus demonstriert die PLA regelmäßig Rendezvous- und Proximity-Operationen. Im Januar 2022 hat der Satellit Shijian-21 (SJ-21) einen ausgedienten Navigationssatelliten des eigenen BeiDou-Systems aus dem Betriebsorbit entfernt und in eine Friedhofsbahn oberhalb des geostationären Orbits (GEO) verbracht. Die zugrunde liegende Technologie könnte künftig auch zur Erfassung und Neutralisierung fremder Satelliten eingesetzt werden.

In niedrigen Umlaufbahnen wurden 24 Satelliten der experimentellen Shiyan-Serie bei komplexen Annäherungs- und Ausweichmanövern beobachtet, die in westlichen Lagebewertungen als „luftkampfartig“ beschrieben werden. Dies legt nahe, dass China ko-orbitale Eingriffs- und Störfähigkeiten bis hin zu orbitaler Manipulation fremder Plattformen vorbereitet. Bislang unterhalb der Schwelle einer offen, gegen westliche Sateliten gerichtete, destruktiven Aktion.

 

Ergänzend hält die PLA ein breites Counter-Space-Portfolio vor:

Bodengebundene kinetische Direktanflug-Antisatellitenwaffen (DA-ASAT), die nachweislich Satelliten im niedrigen Orbit zerstören können.

Weltraumgerichtete Laser- und Funkstörmitteln, die gegnerische Sensorik, Kommunikation und Navigation degradieren oder zeitweise ausschalten können.

Sowie wiederverwendbare chinesische Raumflugkörper, die über Monate im All operieren, zusätzliche Objekte aussetzen und damit langfristig eine flexible, schwer vorhersehbare Präsenz im Orbit etablieren können. Diese Fähigkeiten zielen ausdrücklich darauf ab, gegnerische Weltrauminfrastruktur reversibel zu blenden, zu stören oder zu verdrängen, ohne zwingend sichtbaren Trümmeranfall zu erzeugen.

 

Die strategische Logik dahinter ist eindeutig:

Erstens behandelt Peking den Orbit längst nicht mehr als reine Unterstützungsdomäne, sondern als eigenständigen militärischen Operationsraum. Die chinesische Führung ordnet Weltraum, Aufklärung, elektronische Kriegführung, Cyber-Operationen und Führungsunterstützung organisatorisch so, dass diese Fähigkeiten im Krisenfall zentral gesteuert und in integrierte Wirkketten überführt werden können. Die frühere SSF der PLA wurde im April 2024 aufgelöst; ihre Aufgaben wurden neu verteilt auf eine eigenständige Aerospace Force, eine Cyberspace Force und eine Information Support Force, die direkt der Zentralen Militärkommission unterstellt sind. Diese Neuordnung soll nach chinesischer Lesart Informationsüberlegenheit sichern, Entscheidungs- und Führungsprozesse beschleunigen und die Fähigkeit stärken, gegnerische Streitkräfte in allen Domänen - einschließlich des Weltraums - zu beeinflussen, bevor diese überhaupt voll in den Einsatz gehen können.

Zweitens strebt China strategische Autarkie über die gesamte Wirkungskette hinweg an: eigene globale Aufklärung (optisch, Radar, Funkaufklärung), eigenes präzises Zeit- und Navigationssystem (BeiDou), eigene breitbandige, proliferierte Führungs- und Kommunikationsnetze im LEO, eigene Fähigkeit zur Langstrecken-Zielzuweisung und zum präzisen Wirkmittelnachweis. Ziel ist eine geschlossene Sensor-zu-Wirkung-Kette, die es erlauben würde, westliche Kräfte früh zu lokalisieren, dauerhaft nachzuführen, für einen möglichen Waffeneinsatz aufzubereiten und im Konfliktfall zugleich gegnerische weltraumgestützte Führungs- und Aufklärungsstrukturen zu stören oder zu degradieren. Also Informationsüberlegenheit durch eigene Systeme und die gezielte Schwächung fremder Systeme.

Drittens kalkuliert China mit kontrollierter Ambiguität. RPO-Plattformen werden offiziell als Inspektion, Lebensdauerverlängerung oder Trümmerbeseitigung deklariert. Faktisch können sie fremde Satelliten aus nächster Nähe ausforschen, ihre Bahn beeinflussen oder sie - durch Verdrängen oder Umlagern - aus kritischen Positionen herausdrücken, ohne einen kinetischen Einschlag und ohne sofort sichtbaren Eskalationsmarker. Bodengebundene Laser- und Funkstörmittel sowie ko-orbitale Eingriffsfähigkeiten ergänzen dieses Bild. Sie erlauben es der PLA, gegnerische Aufklärung, Kommunikation, Navigation und Lagebilder selektiv zu blenden oder zu verzerren, ohne formell die Schwelle des offenen Gewalteinsatzes sichtbar zu überschreiten.

Im Ergebnis entsteht ein Instrumentarium, mit dem China Machtprojektion, Abschreckung, operative Handlungsfreiheit und politische Einflussnahme auch unterhalb klassischer Kriegsschwellen ausüben kann. Insbesondere, indem es die Domäne Weltraum als Hebel nutzt, um gegnerische Entscheidungs- und Führungsfähigkeit unter Stress zu setzen, bevor es zu offenem kinetischem Schlagabtausch kommt.

 

Russland:

Russland verfügt über ein ausgedehntes und militärisch eingebettetes Raumfahrtportfolio, das trotz industrieller und finanzieller Erosion zentrale Aufklärungs-, Führungs- und Störfähigkeiten bereitstellt. Moskau integriert weltraumgestützte Aufklärung, Signalaufklärung (SIGINT), Raketenfrühwarnung und geschützte Kommunikation in die eigenen Luft- und Weltraumkräfte. Seit 2015 sind die militärischen Weltraumtruppen in die russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte (VKS) überführt und damit organisatorisch in reguläre Operationsplanung eingewoben.

Russland betreibt weiterhin optische und elektronische Aufklärungssatelliten mit nicht zu unterschätzender Güte sowie Sensorik zur Raketenfrühwarnung. Gleichzeitig gibt es Medienberichterstattungen darüber, dass Russland, trotz Sanktionen, zunehmend ergänzend auf zivile und kommerzielle Infrastruktur zurück – bis hin zur Nutzung kommerzieller Bildgeber aus Drittstaaten zur Gefechtsfeldunterstützung in der Ukraine.

Parallel demonstriert Russland eine Reihe von Rendezvous- und Proximity-Operationen (RPO) in niedrigen und geostationären Umlaufbahnen, die ausdrücklich in einem militärischen bzw. nachrichtendienstlichen Kontext verortet sind. Seit 2014 wurden wiederholt kleine, manövrierfähige Plattformen (u. a. der Cosmos-Serie) in den Orbit gebracht, die sich aktiv an Oberstufen, Trümmerobjekte und fremde Aufklärungssatelliten heranmanövrieren, Relativabstände im Kilometer- bis zweistelligen Meterbereich halten und diese Ziele über längere Zeit begleiten. So näherte sich Cosmos 2499 nach wiederholten Bahnkorrekturen bis auf unter einen Kilometer an die eigene Briz-KM-Oberstufe an. Cosmos 2543 näherte sich Anfang 2020 einem als US-Aufklärungssatelliten eingestuften Ziel mehrfach auf Distanzen um 20 km an und setzte später ein weiteres Objekt bei relativer Geschwindigkeit im Bereich mehrerer hundert km/h aus. Dieses Vorgehen wurde von US-Stellen als nicht-destruktiver Test einer weltraumgestützten antisatellitischen Fähigkeit eingeordnet. Russland nutzt , ähnlich wie China, solche RPO´s als Inspektions- und Nahaufklärungsinstrumentin der erdnahen Umlaufbahn, kombiniert sie aber erkennbar mit Tests ko-orbitaler Eingriffsmöglichkeiten bis hin zur kontrollierten Aussetzungen kleiner „Sub-Satelliten“, die theoretisch als Annäherungs- oder Störelemente dienen könnten.

In der geostationären Umlaufbahn demonstriert Russland seit 2014 mit der Luch-/Olymp-K-Reihe die Fähigkeit, eigene Satelliten über Monate dicht neben militärischen und kommerziellen Kommunikationssatelliten anderer Staaten zu „parken“, darunter europäische Regierungs- und Behördenkommunikation. Abstände von teils nur wenigen Dutzend Kilometern wurden als Signalsammeln, Ausspähen von Nutzlasten und potenzielles Abhören gewertet. Die Nachfolgeplattformen - zuletzt „Luch Olymp 2“ - setzen dieses Muster fort und verlagern sich gezielt entlang der GEO-Bahn, um US-amerikanische, europäische und eigene Systeme sequenziell anzufliegen.

Hinzu treten wiederholte Starts kleiner russischer Inspektionssatelliten, die nach kurzer Zeit weitere Kleinstsatelliten ausstoßen oder Bahnänderungen fliegen, die sich in westlicher Lesart nur durch Aufgaben wie Weltraumlageerfassung, elektronische Aufklärung in unmittelbarer Nähe fremder Nutzlasten oder Tests ko-orbitaler Eingriffs- und Störfähigkeiten erklären lassen. Auf operativer Ebene ergänzt Russland dieses physische Näherungs- und Inspektionsrepertoire ebenfalls durch ein breites Counter-Space-Portfolio.

Dazu zählen bodengebundene kinetische Direktanflug-Antisatellitenwaffen (Direct Ascent ASAT), die 2021 durch den Abschuss eines ausgedienten sowjetischen Satelliten demonstriert wurden. Der Test erzeugte mehr als 1.500 katalogisierte Trümmerfragmente und zehntausende nicht verlässlich trackbare Splitter im niedrigen Orbit und wurde im Westen als gezieltes Abschreckungssignal verstanden.

Russland hält zudem Stör- und Täuschmittel zur Beeinflussung satellitengestützter Navigation, Kommunikation und Lagebilder bereit. GPS-Signale werden in und um Konfliktzonen seit Jahren massiv überlagert, verfälscht oder zeitweise unterdrückt. Wiederholtes Spoofing russischer Herkunft führte unter anderem 2024 zu Navigationsirritationen bis in den zivilen Luftverkehr über dem Baltikum.

Auch laserbasierte Blend- und Störmittel gegen elektro-optische Sensorik gegnerischer Erdbeobachtungs- und Aufklärungssatelliten werden von russischer Seite beansprucht. Sie zielen darauf, Aufklärung temporär zu degradieren, ohne sichtbare Trümmer zu erzeugen.

Schließlich adressiert Moskau eine nuklear unterlegte Eskalationsoption im Orbit. Nach US-Angaben arbeitet Russland an der Fähigkeit, einzelne Satelliten mit einem nuklearen Sprengkopf auszurüsten. Ein 2022 gestarteter Satellit (Kosmos 2553) befindet sich in einem für reguläre Nutzung unüblichen Orbit oberhalb von ~2.000 km und wird im Westen als möglicher Träger bzw. Technologiedemonstrator für einen nuklearen Antisatelliten-Ansatz gewertet. Hintergrund dieser Überlegung ist nicht ein punktueller kinetischer Treffer, sondern das Szenario, durch eine nukleare Detonation im Orbit großflächig Satellitenelektronik zu schädigen, Kommunikations- und Navigationsdienste auszuschalten, einen massiven Trümmergürtel zu erzeugen und zugleich über elektromagnetische Pulswirkungen (EMP) Wirkung bis in kritische Infrastruktur am Boden zu entfalten. Dies hätte schwerwiegende, teils dauerhafte Auswirkungen auf einen Großteil der Satelliten in dieser und darüberliegenden Umlaufbahnen, da sowohl durch unmittelbare physische Zerstörung als auch durch die langfristige Erhöhung der Strahlenbelastung zahlreiche Systeme ausfallen würden.

Bereits die glaubhafte Vorbereitung einer solchen Fähigkeit - nicht erst ihr Einsatz - verschiebt aus westlicher Sicht die Abschreckungs- und Eskalationslogik im Orbit deutlich in Richtung strategischer Zwangswirkung.Die strategische Logik Moskaus unterscheidet sich von der chinesischen Herangehensweise, obwohl beide Mächte den Orbit ausdrücklich als militärischen Operationsraum verstehen. Wo Peking stark auf proliferierte, staatlich kontrollierte Führung und eine geschlossene Sensor-zu-Wirkung-Kette setzt, zielt Russland erkennbar auf drei ineinandergreifende Effekte.

Erstens soll weltraumgestützte Aufklärung in nahezu Echtzeit militärische Operationen am Boden und in der Luft unterstützen - einschließlich Zielaufklärung, Wirkungskontrolle und Gefechtsfeldtransparenz –, wie dies im Krieg in der Ukraine sichtbar wurde, in dem Orbit-gestützte Aufklärung und satellitengestützte Kommunikation für Drohnensteuerung, Artillerieaufklärung und Wirkungskontrolle inzwischen als konstitutiv gelten.

Zweitens setzt Russland vermehrt auf die Fähigkeit, westliche Führungs- und Aufklärungsketten selektiv zu blenden, zu desorganisieren oder zeitweise zum Stillstand zu bringen: GPS-Spoofing, gezielte Funkstörung, Laserblendung gegen optische Sensorik, das Heranführen ko-orbitaler Inspektoren bis in unmittelbare Nähe westlicher Aufklärungs- und Kommunikationssatelliten sowie getestete Direct-Ascent-Systeme sind Bausteine eines Ansatzes, der gegnerische Führungsfähigkeit nicht zwingend dauerhaft zerstören, aber in kritischen Phasen unzuverlässig machen soll - also Entscheidungs- und Reaktionsfähigkeit unter Stress setzt. Auch hier bislang ohne formal die Schwelle eines offen deklarierten Angriffs im Sinne klassischer Kriegführung zu überschreiten.

Drittens kultiviert Moskau eine glaubwürdige Drohkulisse strategischer Eskalation im Orbit selbst. Die Kombination aus ko-orbitalen Eingriffsoptionen, getesteten Direktanflug-Antisatellitenwaffen und der nuklearen Option im All schafft ein Druckmittel gegenüber Europa, der NATO und den USA, das weit über das unmittelbare Gefechtsfeld hinausreicht. Diese Drohkulisse ist darauf ausgelegt, politische Handlungsfreiheit zu gewinnen, indem sie die Verwundbarkeit weltraumgestützter Führungs-, Kommunikations-, Navigations- und Frühwarnstrukturen der Gegenseite betont und daraus ein Eskalationsrisiko ableitet, das über den eigentlichen regionalen Konflikt hinausweist.

 

Wie bereits im GKND-Papier “Space Race, Space Superiority und deutsche Sicherheit“ vom Juni 2025 dargelegt, befindet sich die Welt infolgedessen inmitten eines orbitalen Wettrüstens, das maßgeblich von der (Weiter-)Entwicklung von Counterspace-Technologien durch China und Russland geprägt wird. Für Deutschland, Europa und die NATO entsteht daraus ein mehrschichtiger Handlungsdruck. Technisch-operativ rückt der Schutz eigener orbitaler Schlüsselressourcen in den Vordergrund - Aufklärungssatelliten, gesicherte Regierungs- und Einsatzkommunikation, Navigations- und Zeitdienste sowie weltraumgestützte Frühwarnsensorik. Europa benötigt, ähnlich wie die USA, die Fähigkeit, Annäherungs-, Stör- und Manipulationsversuche in allen relevanten Umlaufbahnen zu erkennen, zuzuordnen und politisch adressierbar zu machen. Ergänzend sind aktive, reversible Schutz- und Gegenwirkungsfähigkeiten unterhalb der Schwelle kinetischer Zerstörung vorzuhalten, um Störungen zu verhindern, zu begrenzen und rasch zu kompensieren; sie verleihen abgestufter Abschreckung im Orbit Glaubwürdigkeit. Zentral hierfür ist eine belastbare Weltraumlageerfassung (Space Situational Awareness, SSA) in naher Echtzeit, einschließlich Attribution von Rendezvous- und Proximity-Operationen und ko-orbitalen Eingriffen. Ohne ein tragfähiges Lagebild besteht das Risiko, dass Eingriffe unterhalb der Zerstörungsschwelle - etwa die zeitweilige Störung eines Kommunikationssatelliten oder die gezielte Blendung eines Aufklärungssensors - politisch schwer adressierbar bleiben. Die strategische Deutungshoheit fiele demjenigen zu, der die Störung gesetzt hat. Politisch-strategisch macht das russische Vorgehen deutlich, dass weltraumgestützte Dienste wie Führung, Kommunikation, Aufklärung, Navigation und Frühwarnung nicht mehr als bloße Unterstützungsdomäne zu behandeln sind, sondern als eigener Handlungsraum.

Für die Deutsche Sicherheitsarchitektur bedeutet dies, dass Souveränität im Orbit nicht nur eine national zu beantwortende Frage ist. Vielmehr ist sie arbeitsteilig im europäischen und NATO-Rahmen zu verankern, gestützt auf robuste SSA, den Schutz kritischer Weltrauminfrastruktur und eigenen Wirkoptionen unterhalb der Zerstörungsschwelle, um im Bündnisfall lagebild-, entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben.

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